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29. September 2009

Ich bin Pirat.

Die meisten haben es ja mehr oder weniger schon mitbekommen: Ich bin jetzt Pirat. Ich habe mich innerhalb von zwei Monaten diesbezüglich vom Saulus zum Paulus gewandelt, vom politisch Uninteressierten und erst recht Unengagierten zum zuerst vorurteilenden Kritiker, dann kritischen Unterstützer, dann unterstützenden Wähler und schließlich zum Parteimitglied.

Ohja, ich bin jetzt Parteimitglied der Piraten-Partei.

Wie es soweit kam? Nun, das kann ich gerne zusammenfassen: Zur Europawahl hörte ich das erste mal von der Piraten-Partei und wusste darüber nur, was man so hörte und las. Für mich hieß das also "irgend so ne Nerd-Spaß-Protest-Partei die nur für Gratis-Downloads im Netz steht" - ergo wollte ich sie definitiv nicht wählen, aber mich schlauerweise auch nicht weiter informieren.

Erst weit nach der Wahl, nach dem Aufschrei im Netz bezüglich des Internetsperren-Gesetzes der Zensursula (bitte googlen, wer's noch nicht kennt) und der daraufhin folgenden Bundestags-Petition, bei der weit über 130000 Petenten sich gegen verfassungswidrige Sperren im Netz aussprachen und dabei komplett ignoriert wurden, fing ich an, mich doch etwas mehr zu informieren. Über Politik im Allgemeinen und wie es um die deutsche Demokratie und und Bürgerrechte steht. Über Bekannte und Freunde (sieh auch die Kommentare ^^), die sich etwas früher als ich informiert hatten, erfuhr ich, dass gerade die Piraten-Partei sich ernsthaft dieser Themen annimmt und dabei das Thema Informationsgesellschaft als Kernthema hat.

Das nahm ich dann zum Anlass, mal deren Grundsatz- und schließlich das Wahlprogramm zu lesen. Und ich erlebte, was ich noch nie mit irgendeiner Partei erlebte: vollste Zustimmung in allen Punkten. Klar war das Programm nicht so umfangreich wie etwa das der Grünen – aber mir gefiel besonders die Ehrlichkeit, nur zu den Themen eine Position zu beziehen, bei denen bislang auch eine echte Kompetenz vorliegt: Datenschutz, Privatsphäre, Bildung, Forschung, Bürgerrechte, direkte Demokratie, Urheberrecht, Patentwesen, Transparenz des Staatswesens, Open Access etc. Ich hatte hier den wahren Sinneswandel: für mich musste eine Partei nicht mehr alles abdecken, solange die Themen, die sie behandelt, bei den anderen Parteien schmerzlich vermisst oder einfach nicht gelebt werden und sie so mit ihrem kleineren – aber umso kompetenteren Programm – eine Art inhaltliches Gleichgewicht wiederherstellt.

Ich war also rundum überzeugt und wollte die Partei nicht nur wählen, sondern tatkräftig unterstützen. Hier muss man wissen, dass der einzige Unterschied zwischen Parteimitglied und Unterstützer nur der monatliche Beitrag von 3€ und das Stimmrecht auf Parteisitzungen ist – inhaltlich mitgestalten, mitdiskutieren und kritisieren kann und soll jeder, da jegliche inhaltliche Diskussion und Positionsbildung basisdemokratisch öffentlich und offen im Wiki und Forum der Piraten geführt wird. Da gerade Themen wie direktere Demokratie und der freie Zugang zu Wissen und Bildung mich interessierten und eine Optimierung der Urheberrechts mich auch beruflich betrifft, entschloss ich mich richtig einzubringen und – schwupps – wurde ich offiziell der 6594. Pirat in Deutschland. Mittlerweile sind es übrigens über 9700, Tendenz weiter steigend.

Und so fand ich mich plötzlich in meiner Freizeit in der Ka-Jo am Infostand Wahlkampf treibend, Flyer verteilend, mit Leuten unterschiedlichster Auffassung diskutierend und bekam die volle Breitseite Politik :) – und was soll ich sagen, es macht verdammt viel Spaß und bringt einen echt weiter – in so vielen Aspekten. Ganz davon zu schweigen, wieviele nette, lustige und intelligente Leute ich innerhalb und rund um der Partei kennenlernen konnte. Soviel dazu.

Manche haben es evt. auch mitbekommen:
Sonntag war eben Bundestagswahl und wir haben
  • Deutschlandweit 2,1%
  • was über 850000 Stimmen bedeutet und einer Vervierfachung derselben seit der Europawahl – und das in 3,5 Monaten!
  • Die Grünen hatten bei ihrer ersten Bundestagswahl nur 1,5%, obwohl sie zuvor schon bei einigen Landtagswahlen angetreten waren
  • Unter den Sonstigen sind wir nun mit Abstand die Stärkste (mehr als NPD und Republikaner zusammen)
  • Im Wahlkreis Freiburg erreichten wir 2,8%, womit wir auch die Größten der Kleinen sind
  • unter den männlichen Erstwählern erreichten wir 13%, bei den bis 24-Jährigen waren es 9%
  • in den unterschiedlichen Wahlkreisen war es flächendeckend stabil zwischen 1,2% und 6%, mit einem Schwerpunkt um die 2%
Und das alles, trotz:
  • der Zeit: in der Kürze der Zeit wurde ein klasse Wahlkampf hingelegt. Die Zulassung zur Wahl kam erst am 31.07.
  • der Medien: wir wurden weitläufig ignoriert, ständig mit dem Fall Tauss verbunden oder sonst verfälscht dargestellt ("monothematisch", "Internet-Partei")
  • dem wenigen Geld: Wahlkampfbudget deutlich < 200.000 im Vergleich zu den großen Parteien (CDU >20 Mio, SPD >26 Mio, selbst Grüne noch ca. 4 Mio) und das alles rein privat und mit den Mitgliedsbeiträgen
  • der wenigen Aktiven: nur eine Handvoll Engagierte vor Ort, mit ehrenamtlichen Zeitaufwand und Sach- und Geldspenden
  • der Jugend und wenigen Erfahrung: spontan, etwas unorganisiert, dafür aber umso mehr authentisch und glaubwürdig
  • (Quelle Piraten-Partei)

Die nächsten Ziele sind recht klar: Ausbau des Programms, Professionalisierung der Strukturen, diverse Landtagswahlen und und und. Ich freu mich jetzt schon darauf mitzuhelfen, die Partei fit für die nächsten 4 Jahre zu machen und sie 2013 auch in den Bundestag zu bringen – die Chancen stehen mehr als nur gut.

Für alle, die nun weiter interessiert sind, gibt es nun zum Schluss ein paar weiterführende Links. Gerne könnt ihr auch Fragen stellen oder generell kommentieren :)

In diesem Sinne, euer (Piraten-)Michel