Ohja, ich bin jetzt Parteimitglied der Piraten-Partei.
Wie es soweit kam? Nun, das kann ich gerne zusammenfassen: Zur Europawahl hörte ich das erste mal von der Piraten-Partei und wusste darüber nur, was man so hörte und las. Für mich hieß das also "irgend so ne Nerd-Spaß-Protest-Partei die nur für Gratis-Downloads im Netz steht" - ergo wollte ich sie definitiv nicht wählen, aber mich schlauerweise auch nicht weiter informieren.
Erst weit nach der Wahl, nach dem Aufschrei im Netz bezüglich des Internetsperren-Gesetzes der Zensursula (bitte googlen, wer's noch nicht kennt) und der daraufhin folgenden Bundestags-Petition, bei der weit über 130000 Petenten sich gegen verfassungswidrige Sperren im Netz aussprachen und dabei komplett ignoriert wurden, fing ich an, mich doch etwas mehr zu informieren. Über Politik im Allgemeinen und wie es um die deutsche Demokratie und und Bürgerrechte steht. Über Bekannte und Freunde (sieh auch die Kommentare ^^), die sich etwas früher als ich informiert hatten, erfuhr ich, dass gerade die Piraten-Partei sich ernsthaft dieser Themen annimmt und dabei das Thema Informationsgesellschaft als Kernthema hat.
Das nahm ich dann zum Anlass, mal deren Grundsatz- und schließlich das Wahlprogramm zu lesen. Und ich erlebte, was ich noch nie mit irgendeiner Partei erlebte: vollste Zustimmung in allen Punkten. Klar war das Programm nicht so umfangreich wie etwa das der Grünen – aber mir gefiel besonders die Ehrlichkeit, nur zu den Themen eine Position zu beziehen, bei denen bislang auch eine echte Kompetenz vorliegt: Datenschutz, Privatsphäre, Bildung, Forschung, Bürgerrechte, direkte Demokratie, Urheberrecht, Patentwesen, Transparenz des Staatswesens, Open Access etc. Ich hatte hier den wahren Sinneswandel: für mich musste eine Partei nicht mehr alles abdecken, solange die Themen, die sie behandelt, bei den anderen Parteien schmerzlich vermisst oder einfach nicht gelebt werden und sie so mit ihrem kleineren – aber umso kompetenteren Programm – eine Art inhaltliches Gleichgewicht wiederherstellt.
Ich war also rundum überzeugt und wollte die Partei nicht nur wählen, sondern tatkräftig unterstützen. Hier muss man wissen, dass der einzige Unterschied zwischen Parteimitglied und Unterstützer nur der monatliche Beitrag von 3€ und das Stimmrecht auf Parteisitzungen ist – inhaltlich mitgestalten, mitdiskutieren und kritisieren kann und soll jeder, da jegliche inhaltliche Diskussion und Positionsbildung basisdemokratisch öffentlich und offen im Wiki und Forum der Piraten geführt wird. Da gerade Themen wie direktere Demokratie und der freie Zugang zu Wissen und Bildung mich interessierten und eine Optimierung der Urheberrechts mich auch beruflich betrifft, entschloss ich mich richtig einzubringen und – schwupps – wurde ich offiziell der 6594. Pirat in Deutschland. Mittlerweile sind es übrigens über 9700, Tendenz weiter steigend.
Und so fand ich mich plötzlich in meiner Freizeit in der Ka-Jo am Infostand Wahlkampf treibend, Flyer verteilend, mit Leuten unterschiedlichster Auffassung diskutierend und bekam die volle Breitseite Politik :) – und was soll ich sagen, es macht verdammt viel Spaß und bringt einen echt weiter – in so vielen Aspekten. Ganz davon zu schweigen, wieviele nette, lustige und intelligente Leute ich innerhalb und rund um der Partei kennenlernen konnte. Soviel dazu.
Manche haben es evt. auch mitbekommen:
Sonntag war eben Bundestagswahl und wir haben
- Deutschlandweit 2,1%
- was über 850000 Stimmen bedeutet und einer Vervierfachung derselben seit der Europawahl – und das in 3,5 Monaten!
- Die Grünen hatten bei ihrer ersten Bundestagswahl nur 1,5%, obwohl sie zuvor schon bei einigen Landtagswahlen angetreten waren
- Unter den Sonstigen sind wir nun mit Abstand die Stärkste (mehr als NPD und Republikaner zusammen)
- Im Wahlkreis Freiburg erreichten wir 2,8%, womit wir auch die Größten der Kleinen sind
- unter den männlichen Erstwählern erreichten wir 13%, bei den bis 24-Jährigen waren es 9%
- in den unterschiedlichen Wahlkreisen war es flächendeckend stabil zwischen 1,2% und 6%, mit einem Schwerpunkt um die 2%
- der Zeit: in der Kürze der Zeit wurde ein klasse Wahlkampf hingelegt. Die Zulassung zur Wahl kam erst am 31.07.
- der Medien: wir wurden weitläufig ignoriert, ständig mit dem Fall Tauss verbunden oder sonst verfälscht dargestellt ("monothematisch", "Internet-Partei")
- dem wenigen Geld: Wahlkampfbudget deutlich < 200.000 im Vergleich zu den großen Parteien (CDU >20 Mio, SPD >26 Mio, selbst Grüne noch ca. 4 Mio) und das alles rein privat und mit den Mitgliedsbeiträgen
- der wenigen Aktiven: nur eine Handvoll Engagierte vor Ort, mit ehrenamtlichen Zeitaufwand und Sach- und Geldspenden
- der Jugend und wenigen Erfahrung: spontan, etwas unorganisiert, dafür aber umso mehr authentisch und glaubwürdig (Quelle Piraten-Partei)
Die nächsten Ziele sind recht klar: Ausbau des Programms, Professionalisierung der Strukturen, diverse Landtagswahlen und und und. Ich freu mich jetzt schon darauf mitzuhelfen, die Partei fit für die nächsten 4 Jahre zu machen und sie 2013 auch in den Bundestag zu bringen – die Chancen stehen mehr als nur gut.
Für alle, die nun weiter interessiert sind, gibt es nun zum Schluss ein paar weiterführende Links. Gerne könnt ihr auch Fragen stellen oder generell kommentieren :)
- piratenpartei.de
- wiki.piratenpartei.de
- Partei-Programm
- ich-bin-pirat.de
- klarmachen-zum-aendern.de
- piraten-freiburg.de
- Flickr-Set zu den Piraten Freiburg (von whitestar)
- piraten-freiburg.de
In diesem Sinne, euer (Piraten-)Michel



4 Kommentare:
Kleiner Nachtrag in eigener Sache: Mich letztendlich überzeugt und zu den Pirat gebracht, hat mich der Cruel aka @dreisampirat bei twitter … (bisch jetz z'friede ^^? )
lol ^^ muss doch erwähnt werden das das auf mein seelen konto geht ;)
Toller Bericht, gut geschrieben. Mittlerweile sehe ich es auch nicht mehr so wild; anscheinend geht die Parteienlandschaft etwas in die Richtung als müsse nicht mehr einjeder alle Themen bedienen. Es gibt also wohl einen Trend hin zur Nischenpartei; vielleicht weil diese Parteien umso ehrlicher wirken, weil sie sich eben nicht auf der ganzen Themenbandbreite ausstrecken. Nichtsdestotrotz kann ich mir nicht vorstellen dauerhaft eine Partei zu wählen, wie zu Innen- und Außenpolitik, zu Umwelt und Geseundheit, zur NATO, zum G8, zur Finanzkrise und auch zur Bildung keine fundierte Meinung bietet - denn eigentlich ist es mir wichtiger, dass wir keinen Krieg führen als das Arcor 6 Monate meine IP speichern muss/will/darf/kann... ich find dasnatürlich nicnt toll, aber es ist eben nicht so weit oben auf der Liste als das man dafür auf andere Themen gänzlich verzichten kann.
Noch ein Wort zum Hr. Tauss. Viele nicht internet-affine Menschen denken wirklich, dass er Dreck am Sacko hat, weil er irgendwie nie darlegen konnte, dass er mit der Schmudelecke wirklich nur journalistischen Kontakt hatte... sozusagen der Gysi-Effekt, der bleibt auch immer ein mordender SED-Fanatiker, der den Stalinismus wieder einführen und das Kapital abschaffen will.... ;)
@Micha erstmal Merci :)
Ich verstehe deinen Punkt. Ich persönlich hoffe auch, dass wir es schaffen genügend Kompetenzen zu vereinen bzw. über die offenen Struktur gute Themendiskussionen mit anderenzu führen, die sich schließlich auch im Programm niederschlagen – was sie ja auch schon teils tun; wir haben bereits mehr Standpunkte als im Wahlprogramm oder generell vor ein paar Monaten, wo es auch nur ein Zehntel der Mitglieder – damals fast ausschließlich aus Forschung und IT-Branche – gab.
Gerade das Grundgesetz (mitsamt der Menschen- und Bürgerrechte) ist ja ein gutes Fundament für weitere Themen, für alles andere verfolgen die Piraten einen sehr wissenschaftlichen, Logik-orientierten Ansatz.
Außerdem haben wir auch gar kein Problem, gute Konzepte (z.B. Umweltpolitik) von anderen Parteien zu übernehmen, wenn es unseren Prinzipien und dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht wird.
Zu Tauss: Entweder er ist schuldig oder unglaublich dumm/blauäugig. Ich persönlich bin da seeehr zwiegespalten – es gibt für beides Fakten, die dafür/dagegen sprechen.
Nun, man kann denken was man will und ihn für schuldig oder unschuldig halten; Fakt ist, dass seine Schuld in unserem Rechtsstaat erst bewiesen werden muss. Ich fand die Entscheidung richtig ihn nicht abzulehnen, auch wenn es ganz miese PR mit sich brachte und sicher 'nen halbes Prozent der Stimmen versaut hat – wichtiger war aber für mich, dass die Piraten ihren Grundsätzen und Inhalten treu blieben und dies schließt nunmal die Unschuldsvermutung mit ein. Wenn er schuldig gesprochen wird, gibt es definitiv Konsequenzen.
So, lange Rede, kurzer Sinn: ich bin gespannt auf die nächste Zeit :)
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